07.04.2017

Comment c'est va? - C'est va.

"Wie geht es dir?"

Je nachdem welche Person, zu welchem Zeitpunkt und unter welchen Umständen mir diese Frage stellt, gibt es von mir unterschiedliche antworten. Meist kommt diese kleine Frage zu Beginn eines Gespräches zum Einsatz und eigentlich will der andere nur eine kurze Antwort hören, um dann sein eigenes Thema zu platzieren. Oder die Frage wird quasi beim vorbeigehen gestellt, wenn der andere bereits weiß, dass er gar keine Zeit oder auch gar kein wirkliches Interesse auf eine ausführliche Antwort hat. 

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Der Eindruck entsteht, dass die Frage gar nicht ernst gemeint ist. Oder vielleicht ist die Frage ernst gemeint, derjenige dem sie gestellt wurde, mag aber dennoch aus diversen Gründen nicht ehrlich darauf antworten. Sein gutes Recht, natürlich! Es ist dennoch ein komischer Umgang, den wir Erwachsenen mit dieser Frage pflegen. 

In meiner Schulzeit lernte ich im Französischunterricht, dass es bei den Franzosen wohl generell Brauch sei auf diese kleine unschuldige Frage, die auf französisch "Comment c'est va?" heißt, lediglich mit einem "C'est va." zu antworten. C'est va solle in dem Zusammenhang so viel wie "Gut.", "Es geht." oder "Es wird." bedeuten. Eine Belanglose Antwort, auf eine Belanglose Frage. Damals mit 14 Jahren dachte ich noch, wenn die Franzosen nicht wirklich an einer ernst gemeinten Antwort interessiert sind, warum fragen sie dann überhaupt? Mittlerweile, nachdem ich so ein paar Arbeitsjährchen hinter mir habe, weiß ich, dass es bei uns Deutschen genauso Brauch ist. Denn oft, will man gar keine ausführliche und ernst gemeinte Antwort erhalten. Es ist eine Floskel. Eine Art der Höflichkeit. Vielleicht auch vorgetäuschtes Interesse?

"Wie geht es dir?" 
"Gut."

Wenn du mit einem positivem "Gut." auf diese kleine Frage antwortest, hat dich dann schon mal jemand gefragt warum es so ist? Warum es dir gut geht? 
Oft antworte ich auch "Gut.". Denn im Grunde geht es mir gut. Ich bin gesund (mal von meinen Allergien und deren Nebenwirkungen abgesehen), habe keine körperlichen Beschwerden, lebe in einer wunderbaren Beziehung, habe einen Hund den ich nicht missen möchte (auch wenn er mich manchmal zur Weißglut bringen kann), habe Freunde die ich sehr schätze (auch wenn ich diese durch deren Kinderreichtum derzeit nicht oft zu Gesicht bekomme), ein regelmäßiges Einkommen, immer Essen auf den Tisch und ein Dach über meinen Kopf. 

Wenn mir die Frage allerdings von jemanden gestellt wird, bei dem ich merke, dass derjenige auch Zeit für mich hat, das dieser jemand es wirklich interessiert wie es mir geht, dann gebe ich auch gerne eine ehrliche und vielleicht sogar eine ausführlichere Antwort. Dann würde ich demjenigen Antworten, dass es mir gut geht. Aber auf Arbeit ziemlich viel los sei. Viele Termine, stressige Arbeitstage und ständig etwas unvorhergesehenes passiert. Dann würde ich vielleicht auch etwas mehr erzählen. Oberflächlich mehr. Denn mein Innerstes würde ich nicht auskehren.

Momentan sitze ich an meinem Schreibtisch, verputze gerade eine Tafel Schokolade und denke an die Momente zurück, als ich das letzte Mal von einer guten Freundin diese Frage gestellt bekam und wir anschließend Stunden durch Barmbecks Wohnstraßen spaziert sind. Ich denke an die vielen, vielen Zeilen zurück die eine andere Freundin per Mail von mir erhalten hat, als sie mir das letzte Mal diese Frage gestellt hat. Ich denke darüber nach, wie groß das Vertrauen zu der anderen Person sein muss, damit man wirklich vollkommen ehrlich mit allen Einzelheiten und Facetten auf die Frage antwortet.

Vielleicht muss aber auch gar nicht viel Vertrauen im Spiel sein. Vielleicht reicht ja auch Anonymität? Wäre ich jetzt irgendwo allein in einem Café oder in einer Bar in einer mir fremden Stadt und du als ein mir vollkommen fremder Mensch würdest dich zu mir setzen und mir diese kleine Frage stellen. Ich würde dir wohl in die Augen blicken, dein Gesicht betrachten, deine Körperhaltung wahrnehmen und deine Mimik und Gestik interpretieren. Ich würde mit den Schultern zucken. Und würdest du dann wirklich, vollkommen offen und ehrlich immer noch wissen wollen wie es mir geht. Dann würde ich dir vielleicht erzählen, dass es mir eigentlich gut geht. Vielleicht würde ich dir dann auch von meinem Job erzählen, von dem Stress, den Druck, den  Themen über die man nicht gerne spricht. Über Emotionen und darüber das ich mir oft wie ein Psychologe vorkomme ohne dabei auch nur ein Fünkchen psychologisches Wissen zu haben. Womöglich würde ich dir auch erzählen das mir, auf meinem Job bezogen, mittlerweile beinahe alles egal ist, dass ich mich mit allem abgefunden habe was höchstwahrscheinlich die Zukunft bringen mag und mir dieser Zustand gar nicht gefällt. Das ich abgestumpft bin und sich in mir wieder eine Mauer aufbaut, für die ich einst Jahre gebraucht habe um diese einzureißen. Das ich traurig bin, dass auf mein Wohlbefinden und auf meine Gefühle nicht gleichermaßen Rücksicht genommen wird, wie auf andere. Das ich im Job nur noch negatives erlebe, egal von welcher Seite. Das ein Teil von mir, meinen Job gar nicht mehr machen möchte. Das mein Feuer, welches für den Job oder besser gesagt für den Arbeitgeber brannte, zu ersticken droht. Das ich Angst habe, meine berufliche Existenz zu verlieren, mich zu verlieren. Ich aber genauso bammel davor habe diesen sicheren Job den Rücken zu zukehren und irgendwo beruflich von vorne zu beginnen. 

Ja, vielleicht würde ich dir das erzählen.
Vielleicht auch nicht. 

Sind wir doch mal ehrlich. Wer fragt schon jemand vollkommen Fremdes wie es ihm geht und erwartet dabei eine ernste und tiefgründige Antwort die alle Gefühle und Emotionen der fremden Person beinhaltet? 

Oder hast du das schon einmal getan?

Kommentare:

  1. Ich frage eigentlich nur sehr selten jemanden diese Frage, weil ich sie selbst nicht gern gestellt bekomme. Entweder, alles ist bei mir okay, oder aber ich möchte nicht durch eine Nachfrage an meine Problem(chen) erinnert werden. Und wenn ich schon gefragt werde, wie es mir geht, antworte ich auch grundsätzlich eher mit "gut", ohne nachzudenken, da ich eh nicht gern meine schlechte Laune erkläre. Und die meisten Personen geht sowas ja eh nichts an...

    Liebe Grüße

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    1. Das kann ich sehr gut verstehen. Wobei ich es schade finde wenn mit "gut" geantwortet wird, wenn es meinem Gegenüber in dem Moment allerdings gerade wirklich nicht gut geht.
      Selbst antworte ich persönlich in solchen Situationen eher ausweichend, wenn sich in meinen Gedanken gar kein Grund für ein "gut" finden lässt, oder ich stelle eine Gegenfrage anstatt eine Antwort zu liefern.

      Lieben Gruß, nossy

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  2. Ich hab auf Arbeit mal aus Prinzip auf die Frage mit "Schlecht" geantwortet. Reaktion waren verwirrte Blicke und eine schnelle Flucht des Fragenden.
    Ich glaube, unter Bekannten/Freunden/Arbeitskollegen, ist diese Floskel nur eine Art Hinweis, dass man denjenigen wahrgenommen hat - also seine pure Anwesenheit... Man könnte auch sagen: Schön, dass du da bist.

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    1. Das ist ja mal eine tolle Idee, einfach "Schön, dass du da bist." zu sagen, anstatt zu fragen "Wie geht es dir?". Ich glaub daran werde ich mich, insbesondere auf Arbeit, mal rantasten und ausprobieren. Mal schauen wie die Reaktionen so sind.

      Viele Grüße, nossy

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  3. durch das bloggen ergibt es sich immer wieder, sich völlig fremden zu offenbaren und ich habe damit viele interessante erfahrungen gemacht. was die frage angeht halte ich es eigentlich so: beruflich antworte ich damit immer mit dem französischen äquivalent zu "ca va". im privatleben treffe ich allerdings niemanden, dem ich darauf keine ehrliche antwort geben kann oder mag, denn diese menschen sind für mich reine zeitverschwendung. wenn ich diese frage stelle, meine ich sie allerdings immer ehrlich denn meiner meinung nach gibt es passenderes, wenn man nach floskeln sucht.

    es ist nicht gut, wenn man was die arbeit betrifft so empfindet. ich drücke dir die daumen, dass da für dich eine änderung möglich ist, wie auch immer sie aussieht.

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    1. Das ist eine sehr ehrenvolle und großartige Einstellung die du hast liebe Paleica. Manchmal scheint es mir, dass viele andere sich ein Scheibchen von dieser Einstellung abschneiden könnten.. Bei meinem engsten Freundeskreis habe ich diesen Eindruck nicht, da geht es mir wie dir, sonst wären es keine engen Freunde.
      Nur oft hat man auch freiwillig, unfreiwillig mit vielen anderen Menschen zu tun und da, finde ich, könnte so manchesmal auch auf diese Floskel und Oberflächlichkeit verzichtet werden - zumindest wenn man nicht bereit ist, sich das auch anzuhören was der andere dann zu erzählen hätte.

      Ich danke dir vom Herzen. Die Zeit wird es zeigen.

      Lieben Gruß, nossy

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